Familie Rennert

Erwin Rennert mit seiner Frau Ruth

Erwin Rennert mit seiner Frau Ruth auf der Überfahrt nach New York, 1947. (Privatarchiv Rennert)

Ursprünglich war auch der im Jahr 1938 zwölfjährige Erwin Rennert gemeinsam mit seiner 15-jährigen Schwester Silvia für einen Kindertransport nach England vorgesehen gewesen.1 Die Eltern Pinkas und Lea Rennert entschieden sich letztendlich aber dafür, ihre Kinder Verwandten in New York City anzuvertrauen. 2

Eigentlich hatte die Familie Rennert in der Heumühlgasse gewohnt,3 im Herbst 1938 aber musste sie in die im dritten Bezirk gelegene Löwengasse umziehen. 4 Ein Jahr später, am 31. 10. 1939, fuhren Erwin und Silvia Rennert schließlich in Begleitung des – den beiden bis dahin unbekannten – Herrn Weissmann, der mit seinen zwei Kindern ebenfalls flüchtete, vom Wiener Südbahnhof per Zug nach Triest, von wo aus sie weiter per Schiff in die USA reisten. 5

60 Jahre später erinnerte sich Erwin Rennert an den Abschied von den Eltern: „Auf welchem Gleis steht der Zug? Mein Vater und ich finden den Waggon, unser Coupé, dazu den unbekannten, aber freundlichen Herrn Weissmann, den meine Mutter anschaut, als wäre er ein Schutzengel. Die Plattform ist spärlich beleuchtet. Ich sehe aber ihre Tränen, und wie sie sich in die Lippen beißt. Mein Vater hilft uns noch die Koffer zu verstauen. […] Auch meine Mutter betritt noch kurz das Abteil, betrachtet unsere Sitze, so als wollte sie sehen, wie sich unsere Zukunft gestalten wird. Eine letzte Umarmung, sie streicht mir noch über das Haar, küsst mich, dann muß sie aussteigen. Jetzt fährt der Zug langsam ab. Silvia und ich beugen uns aus dem Fenster, um den Eltern zuzuwinken. Ich sehe noch das blasse und verweinte Gesicht meiner Mutter, und wie der Vater sie am Arm hält. Beide winken, dann sind sie verschwunden.“ 6 Erwin und Silvia Rennert sahen ihre Eltern nicht mehr wieder. Am 5. 10. 1942 wurden Pinkas und Lea Rennert von Wien ins Vernichtungslager Maly Trostinec deportiert und vier Tage darauf ermordet. 7

Im März 1945 gelangte Erwin Rennert als Soldat der US-Army nach Europa, Ende 1945 kehrte er während eines Sonderurlaubs erstmals zurück ins nunmehr zerbombte Wien. Während seiner Stationierung in Deutschland lernte er seine zukünftige Frau Ruth kennen, mit der er 1947 auf Befehl der US-Armee wieder in die USA zurückkehrte. 8

1961 kam Erwin Rennert mit seiner Familie – mittlerweile war er Vater von fünf Kindern – für den Rest seines Lebens zurück in die Stadt seiner Kindheit,9 wo er 2009 im Alter von 83 Jahren verstarb.10 Zwei Jahre später verstarb seine weiterhin in den USA verbliebene Schwester als verheirate Silvia Rivera in New York.11

MATTHIAS KAMLEITNER

  1. 1) Vgl. Archiv der IKG Wien, Bestand Jerusalem, A/W 1979, Transport for Children to England, list of boys/list of girls.
  2. 2) Vgl. Erwin Rennert, Der Welt in die Quere. Lebenserinnerungen 1926-1947, Wien 2000, 117-118.
  3. 3) Vgl. Archiv der IKG Wien, Bestand Jerusalem, A/W 2590, 183, AFB-Nr. 35868 (Pinkas Rennert).

  4. 4) Vgl. Erwin Rennert, Der Welt in die Quere. Lebenserinnerungen 1926-1947, Wien 2000, 113.
  5. 5) Vgl. Erwin Rennert, Der Welt in die Quere. Lebenserinnerungen 1926-1947, Wien 2000, 124-125.
  6. 6) Vgl. Erwin Rennert, Der Welt in die Quere. Lebenserinnerungen 1926-1947, Wien 2000, 125.
  7. 7) Vgl. DÖW, Opfersuche, URL: http://www.doew.at (Einträge Lea und Pinkas Rennert, 29. 9. 2015).
  8. 8) Vgl. Erwin Rennert, Der Welt in die Quere. Lebenserinnerungen 1926-1947, Wien 2000, 271-299.
  9. 9) Vgl. Erwin Rennert, Fast schon Amerikaner, Wien 2005, 136.
  10. 10) Vgl. Friedhöfe Wien, Verstorbenensuche, URL: https://www.friedhoefewien.at/grabsuche_de/ (Eintrag Erwin Rennert, 29. 9. 2015).
  11. 11) Vgl. Mooseroots.com, Death records, URL: http://death-records.mooseroots.com/ (Eintrag Silvia Rivera, 29. 9. 2015).

Schicksale